30. August 2007...10:50

Verschulung

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Zwischen dem englischen Bachelor-Studiensystem und den deutschen Verbachelorisierung gibt es zahlreiche Unterschiede, die bei der Umgestaltung der deutschen Studienlandschaft nicht berücksichtigt werden. Die meisten lassen sich damit zusammenfassen, dass man auf der Insel die Dinge pragmatischer angeht. Das gilt für die Konzeption des Bachelor als allgemein berufsbefähigend (siehe Bildung oder Bachelor), es gilt aber vor allem auch für den Umgang mit der oft zitierten “Verschulung”.

Nehmen wir wieder einmal die Universität Oxford, die ich persönlich am besten kenne. Der dortige “undergraduate”, also Bachelor-Student, hat innerhalb eines relativ eng gesetzten Rahmens zwischen verschiedenen “papers”, d.h. Modulen zu wählen; pro Trimester konzentriert er sich auf 2-3 davon, schreibt dazu jeweils mehrere Essays und besucht in der Regel eine dazu passende, ins Modulthema einführende Vorlesung. Am Ende des Jahres hat er eine allgemeine schriftliche Prüfung zu den belegten Modulen, von der das Weiterkommen im Studium abhängt.
Das unterscheidet sich soweit noch kaum von den neuen deutschen Bachelor-Studiengängen. Nur gibt es da ein paar gravierende Unteschiede.
Zum einen wird die Belegung und Durchführung der gewählten Module nicht von Prüfungsämtern, sondern von Dozenten kontrolliert, die die Studenten oft über Jahre begleiten und persönlich kennen. Das lockert die bürokratische Struktur ganz erheblich auf: Wenn ich als Student vom vorgesehenen Curriculum abweichen will, sei es wegen besonderer Interessen oder wegen persönlicher Probleme, dann muss ich nicht einem Bürohengst Stapel von Nachweisen, notariell beglaubigten Kopien und gestempelten Bescheinigungen vorlegen, um dann zu hören, dass es für einen Fall wie meinen ja nicht einmal ein Formular gebe. Statt dessen führe ich ein persönliches Gespräch mit einem der für mich zuständigen Dozenten, mache ihm meine besonderen Interessen oder meine persönliche Lage klar und erhalte einen auf meinen besonderen Fall zugeschnittenen Lösungsvorschlag. Allgemein gesagt: Das “System”, die Bürokratie, die Studienordnung wird hier nicht als ein kategorischer Imperativ, sondern als eine Art Leitlinie oder Gerüst behandelt; der einzelne Fall ist eben nicht nur ein einzelner Fall deses Systems, sondern ein konkreter Student, dessen konkrete Bedürfnisse im Vordergrund stehen.
Ebenso personalisiert läuft zweitens auch die Durchführung der “verschult” vorgegebenen Module ab. Den Hauptteil der Lehre machen hier nicht Seminare mit 20 bis 100 Studenten oder gar überfüllte Vorlesungen aus, sondern “tutorials”: wöchentliche Treffen zwischen einem Dozenten und einem bis fünf Studenten. Die genauen Themen für zu schreibende Essays werden zwischen Dozent und Student vereinbart und folgen zwar meist einem Katalog prüfungsrelevanter Themen, können aber bei besonderen Interessen, Fähigkeiten und Bedürfnissen auf Seiten der Studenten problemlos auch davon abweichen. Vorlesungen sind fakultativ: Wer gerne durch Hören lernt, geht hin, wer nicht, eignet sich das Wissen aus Büchern an. So ist zwar im Rahmen der Module ungefähr vorgegeben, was die Studenten am Ende eines Studienjahres ungefähr wissen und können sollen; wie sie dieses Wissen erwerben, ist ihnen jedoch freigestellt. Tutorials und Vorlesungen geben wie die Studienordnung nur einen “Leitfaden” ab, ein Angebot, von dem jedoch im einzelnen Fall immer nur nach Bedarf Gebrauch gemacht wird.

Die neuen deutschen Studiengänge lehnen sich an die angelsächsischen “Studienordnungen” an, die in der Tat ein hohes Maß an Verschulung vorgeben, und führen diese Verschulungen nun mit der Gründlichkeit der deutschen Bürokratie so konsequent durch, wie es keinem Angelsachsen je in den Sinn käme. Sinnvoller würde mir erscheinen, den angelsächsischen Umgang mit solchen Studienordnungen zum Vorbild zu nehmen – oder aber bei der alten Form der Studienordnung zu bleiben, die schon im System mehr Freiheiten anlegte und damit der bürokratischen Gründlichkeit auf deren eigenem Terrain Einhalt gebieten konnte.

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