8. September 2007...12:15

Synthese

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Lernen deutsche Schüler eigentlich immer noch, ihre Aufsätze nach dem Schema “These, Antithese, Synthese” aufzubauen? Ich habe das so gelernt und erst im Studium in England einen ganz anderen Ansatz kennengelernt: den der provisorischen These.

Hinter der deutschen Synthesefixierung steckt die Ideologie des Endgültigen: Als 13jährige Schülerin muss man da zu einem Ergebnis kommen, das allen Seiten Gerechtigkeit werden lässt, das über den kleinlichen Parteilichkeiten steht, das Anspruch auf letztendgültig durchdachte Neutralität und Objektivität erheben darf. Da 13jährige selten zu solchen Ergebnissen kommen, lernt man dabei hauptsächlich das Vorspiegeln von Neutralität und Objektivität.
Hinter dem angelsächsischen Essay-Ansatz steckt dagegen die Idee des Realisierbaren, aber auch die des Revidierbaren: Thesen sind Meinungen, und Meinungen sind zum einen Grundlage unserer Handlungen; auf über allen Dingen schwebenden Synthesen kann keine Handlung basieren. Meinungen sind aber zum anderen auch provisorisch und erheben keinen Anspruch auf Letztendgültigkeit: Eine These als Meinung aufzustellen bedeutet auch, sie anderen zur Beurteilung und Verbesserung vorzulegen. In einer Synthese dagegen sind alle anderen Meinungen schon aufgehoben und überholt. Das ist ein hervorragender Vorwand für autoritäre Kritikresistenz. Der bewussten Parteilichkeit und Subjektivität dagegen ist eine systematische Offenheit eigen – die sie gerade zur eigentlichen Neutralität macht.
(So sieht das übrigens auch snaut.)

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