Ich höre immer wieder Klagen von deutschen Dozenten über die ihnen auferlegten Lehrverpflichtungen; an den anglo-amerikanischen Spitzenunis, hört (und liest) man immer wieder, könne man sich in viel höherem Maße der Forschung widmen. Kein Wunder, dass dort der Forschungs-Output höher sei.
Zunächst einmal: Das stimmt nicht. Der Forschungs-Output mag höher sein, aber die Lehrverpflichtungen sind nicht geringer. Oder genauer gesagt, und wie immer (meinem Kenntnisstand entsprechend) auf Oxford eingeschränkt: Wer es einmal zum Professor geschafft hat, muss in der Tat keine undergraduates mehr unterrichten. Die Graduierten (und das schließt natürlich Master-Studenten mit ein) ist man aber keinesfalls los, und deren Betreuung ist hier sehr viel intensiver als an einer durchschnittlichen deutschen Universität. Noch wichtiger aber ist, dass die meisten Forscher hier gar keine Professoren sind (und es auch im Laufe ihrer akademischen Laufbahn nie werden). Ein normaler College fellow oder lecturer hat bis zu 10 oder 12 Stunden Lehrverpflichtung; und das schließt nur die undergraduates ein.
Wenn also der Forschungs-Output tatsächlich höher (und das Klagen über zu hohe Lehrverpflichtungen zumindest geringer) ist, woran liegt das? Ich kann es mir nur über zwei Hypothesen erklären.
Hypothese Nummer 1: Es wird mehr gearbeitet. Darüber erlaube ich mir kein Urteil (obwohl es im Durchschnitt stimmen könnte; ich kenne aber sehr hart arbeitende und dennoch klagende deutsche Dozenten).
Hypothese Nummer 2: Die Art der Lehre ist weniger belastend, trägt vielleicht sogar zur eigenen Forschungsarbeit bei. Das scheint mir eine plausible Hypothese zu sein: Wenn ich mich, wie wir es hier tun, eine Stunde lang in einem Eins-zu-Eins-tutorial mit einem Studenten über seine eigenen Ideen und Argumente unterhalte, dann ist das einerseits sehr intensiv und anstrengend, andererseits aber auch sehr viel fruchtbarer und befriedigender. Wenn ich in einem zweistündigen Seminar den Alleinunterhalter für 30 Leute spielen muss, dann weiß ich zwar, was auf mich zukommt, bekomme aber selbst keinerlei Input und bin (wie ich höre) oft noch frustriert ob mangelndem Interesse auf Seiten der 30.
Das Lehren in Oxford ist (so glaube ich) anstrengender: Für jede Unterrichtsstunde muss man sich auf die jeweiligen Gedanken eines ganz bestimmten Studenten einlassen, muss im tutorial schnell auf dessen Einwände reagieren und kann nicht einfach das vorgefertigte Programm abspulen. Es ist aber auch spannender – es besteht in der persönlichen Auseinandersetzung mit jemandem und dem Sicheinlassen auf dessen Art zu denken, es ist eine Übung in geistiger Schärfe und bestenfalls sogar eine Quelle von inhaltlichen Anregungen.