Die ZEIT vom 14. Februar stimmt (wie viele andere zur Zeit) wieder einmal das Klagelied aufs deutsche Fernsehprogramm, insbesondere den freien Fall in der Qualität der Öffentlichen, an:
… Nun ist das natürlich, wie an dieser Stelle die Intendanten vorwurfsvoll zu sagen pflegen, nicht für ein bürgerlich konsterniertes Publikum gedacht; dieses Publikum möge sich doch an 3sat und Arte laben und endlich die Schnauze halten. Und gewiss ist es mühelos möglich, sich mit den Kulturprogrammen voll zu beschäftigen. Es macht aber gleichwohl einen großen Unterschied, und zwar nicht nur für das Fernsehpublikum, sondern für die ganze Gesellschaft, ob das bürgerliche, das gebildete und kritische Segment noch in den Hauptprogrammen bedient oder in Spartensendern marginalisiert wird. Das Erste und das Zweite Programm definieren die Mitte der Gesellschaft, und wenn diese als ein Biotop gedacht wird, in dem Akademiker oder ganz allgemein höher organisierte Wesen nichts zu suchen haben, dann können wir uns alle Pisa-Studien und Bologna-Prozesse schenken. Keine Schul- oder Hochschulpolitik wird gegen die Botschaft ankommen, dass nur Dummheit mit einem Platz in der ersten Reihe belohnt wird.
Dem kann ich nur zustimmen, glaube aber, dass daran nicht nur die Dummheit weiter Teile der Unterhaltungskultur, sondern auch der Elitismus der „Gebildeten“ schuld ist und die weithin akzeptierte Unterscheidung zwischen „E“ und „U“, ernsthafter Kultur und banaler Unterhaltung. Je tiefer die Kluft, desto elitärer ist natürlich die Kultur und desto kulturloser die Unterhaltung; desto mehr wird dem Kultur-Rezipienten und desto weniger dem Unterhaltungs-Rezipienten zugemutet. Da werden selbst „Bildungs“-projekte wie etwa die „Krieg und Frieden“-Verfilmung im ZDF zu Beginn dieses Jahres hoffnungslos verhunzt, weil man den Zuschauern selbst in einer Tolstoi-Adaption keine komplexeren Dialoge zutraut als in einer Vorabendserie.
Interessant finde ich, dass die Briten, denen man doch ein viel ausgeprägteres Klassenbewusstsein zuschreiben möchte, keine derartige Kluft zwischen Anspruch und Unterhaltung kennen. Um bei Literatur-Adaptionen im Fernsehen zu bleiben: Ich kann jedem nur die Dickens- und Austen-Verfilmungen der BBC empfehlen, die nicht nur bis aufs Wort originalgetreu, sondern auch großartige Publikumserfolge sind. Die BBC traut ihren Zuschauern zu, auch einmal ein Wort aus dem Kontext zu erschließen, das heute nicht mehr gebräuchlich ist; und die Zuschauer scheinen nicht überfordert zu sein. Wenn nicht strikt zwischen Anspruch und Unterhaltung unteschieden wird, dann ist die Kultur unterhaltsamer und die (Massen-)Unterhaltung anspruchsvoller. Und vielleicht trägt auch das zur Qualität des Bildungssystems bei. (Womit ich keinesfalls leugnen möchte, dass das britische Bildungssystem, insbesondere das Schulsystem, seine ganz eigenen Probleme hat!)
1 Kommentar
2. März 2008 um 8:19
Teil der Problematik scheint mir in Deutschland die grundsätzliche Ächtung des „Spagats“ zwischen E und U, wie ihn Leute wie Udo Jürgens anstreben, durch den Bildungsbürger oder das kritische studentische Milieu zu sein. Indem jede Form der „allgemeinen Zugänglichkeit“ als Abweichung von der hehren Kunstnorm bzw. der milieuspezifischen Coolness gegeißelt wird, wird niveauvollem Programm, das sich an den Mainstream richten will, schon von vorne herein von allen Seiten das Wasser abgegraben.