Im Rahmen des Bologna-Prozesses werden ja nun auch die deutschen Universitäten mit dem angelsächsischen System der Bachelor- und Master-Abschlüsse beglückt. Bachelor, das heißt hier: Verkürzung (auf drei Jahre bis zum ersten Abschluss) und Verschulung. Statt der gewohnten akademischen Freiheit, die es den Studenten zumindest der Geisteswissenschaften freistellte, Seminare zu besuchen oder auch nicht, Schwerpunkte zu legen oder auch nicht, sehr viel zu lernen oder auch eher wenig, haben die meisten Institute inzwischen zähneknirschend ein System von “Modulen” eingeführt, in dem Studenten von Anfang bis Ende genau wissen, was sie wann zu tun haben, wann sie wo über was nachdenken und wann sie damit fertig sind.
Der angelsächsische Bachelor aber unterscheidet sich von unseren bisherigen deutschen Abschlüssen nicht nur durch kürzere Studienzeiten und höhere Verschulung. Er unterscheidet sich im Wesentlichen dadurch, dass er keine wissenschaftliche Ausbildung ist. In den besten Fällen, wie etwa an der Uni Oxford, dient er dazu, Kompetenzen für spätere verantwortliche Positionen in der Gesellschaft zu vermitteln: Effizienz, Entscheidungsfreude, die Fähigkeit, sich in kürzester Zeit in ein neues Thema einzuarbeite, die relevanten Informationen herauszufiltern und auf ihrer Basis eine begründete Entscheidung zu treffen. Der durchschnittliche Oxforder undergraduate muss pro Woche mindestens ein “essay” schreiben, in dem es nicht darauf ankommt, alle relevanten Quellen richtig zu zitieren, sondern vielmehr darauf, innerhalb der einen Woche ein Grundverständnis einer bestimmten Problematik erworben und eben eine begründete Entscheidung für die eine oder andere Lösung getroffen zu haben. Die Problematik kann dabei die Frage nach dem Verhältnis von Körper und Seele, die richtige Interpretation von Ovids Metamorphosen oder die Regelung der internationalen Politik sein. Wissenschaftliche Ausgewogenheit spielt dabei kaum eine Rolle, von Wahrheit ganz zu schweigen; worum es geht, ist die Erwerbung der oben genannten Fähigkeiten – so genannter skills. Da diese universal einsetzbar sind, ist es dann auch eigentlich egal, was man studiert; ein Bachelor in Geschichte legt häufig den Grundstein für eine Anwaltskarriere, wer Latein und Griechisch studiert hat, kann als Broker an der Börse Karriere machen. Gelernt haben alle dasselbe: denken, und zwar problem- und zielorientiert denken.
Dient der angelsächsische Bachelor dem Erwerben solcher skills, so sind die deutschen Universitäten (ich meine wieder insbesondere die Geisteswissenschaften) traditionell anders angelegt: auf die Bildung der Persönlichkeit durch deren Konfrontation und freie Auseinandersetzung mit der Wissenschaft. Eine solche Bildungsentwicklung dauert aber meist länger als drei Jahre. Mit der Einführung von Bachelor-Studiengängen ist dann auch meist konsequenterweise ein Aufgeben des Bildungsideals in Auseinandersetzung mit der Wissenschaft aufgegeben: Statt Angeboten zum Selbstdenken erhalten die Studenten mundgerecht abgepacktes Wissen, hübsch organisiert nach Modulen. Ob das zu den Bachelor-typischen skills führt, steht noch in Frage. Ob diese skills, selbst wenn sie erworben werden, auf dem deutschen Arbeitsmarkt ähnlich flexibel verwendbar wären, ebenfalls. Bei uns ist ein Jurist eben noch ein Jurist und ein Altphilologe taugt bestenfalls zum Lehrer. Vor allem aber steht in Frage, ob es sinnvoll ist, die Bildungsidee zugunsten einer noch gar nicht verstandenen und vielleicht gar nicht angemessenen Konzeption praktischer skills einfach aufzugeben und einem Universitätssystem, das durch ein Ideal von Bildung geprägt ist und damit erfolgreich war, ein System von Abschlüssen aufzupfropfen, das Ausdruck und Ergebnis angelsächsischer Pragmatik ist.