9. Juli 2007

Bildung oder Bachelor, Teil 2

In diesen Jahren spielt sich ein Drama ab, dessen Tragweite in der Öffentlichkeit kaum begriffen wird.

So Gustav Seibt in einem vor fast schon 3 Wochen in der Süddeutschen Zeitung erschienenen Artikel, der die Entwicklung von der Bildung zum Bachelor, oder “von Humboldt zu Bologna” an deutschen Universitäten in drastischen Worten schildert. Am besten den ganzen Artikel lesen! An dieser Stelle sei nur noch der abschließende Abschnitt zitiert:

Es hat immer Menschen gegeben, die nicht mit einem Berufsziel studierten, sondern weil sie sich mit Homer, Dante oder Nietzsche beschäftigen wollten – für ein paar Jahre oder ein Leben lang; die an die Universität gingen, weil sie Byzanz oder das Chinesische Reich kennenlernen wollten. Es wird diese Menschen auch in Zukunft geben. Aber sie werden viel einsamer und viel unfreier bleiben müssen als zuletzt ohnehin schon. Bologna ist gut für Menschen, die mit zwanzig schon wissen, was sie werden wollen. Humboldt war gut für Suchende und Irrende. Ein ganzer Menschentypus, ja eine Lebensform wird heimatlos.

8. Juli 2007

Placebo

“Die Heilkraft der Einbildung” titelt der “Spiegel” vom 25. Juni und erläutert: “Hirnforscher enträtseln den Placebo-Effekt”. Was haben die Hirnforscher enträtselt? Nun, sie haben festgestellt, dass bei der Einnahme eines bloßen Placebo-Mittels etwa zur Schmerzlinderung im Hirn mehr oder weniger das Gleiche passiert wie bei der Einnahme eines “echten” Schmerzmittels. Wenn ich jetzt also nach der Gabe eines Placebo-Mittels behaupte, keinen Schmerz mehr zu haben, kann der Arzt nicht mehr wie bisher meinen, ich bildete mir das nur ein, sondern muss zumindest für möglich halten, dass ich “wirklich” keine Schmerzen mehr habe. Schließlich könnte er das eventuell durch eine Computertomographie meines Gehirns verifizieren.

So der Tenor im Spiegel-Artikel. Ob die an den entsprechenden Experimenten beteiligten Wissenschaftler die Sache reflektierter sehen, weiß ich nicht; aber ich möchte doch behaupten, dass mir keine Computer-Tomographie sagen kann, ob ich Schmerzen habe oder nicht. Was steckt denn hinter dem Gesinnungswandel des hypothetischen Arztes, der mir nun plötzlich meine Schmerzlosigkeit glauben muss? Ein sehr platter Materialismus. der für objektiv und damit für wahr nur das hält, was sich materiell (nämlich im Gehirn) lokalisieren und am besten noch mechanistisch erklären lässt (etwa in der Form: Reiz löst Ausschüttung von Substanz X aus, die dann an Nervenzellen andockt und Ausschüttung von Substanz Y auslöst…). Das “nur” Subjektive, das materiell nicht Lokalisier- und Messbare, wie etwa mein Schmerzempfinden, wird aus dem wissenschaftlichen Diskurs, aus dem Anspruch auf allgemein anzuerkennende (“objektive”) Gültigkeit und letztlich aus dem Bereich der Rationalität überhaupt verbannt.

Nun ist diese Dimension der Subjektivität aber gerade etwas, was uns als Menschen und im Leben mehr angeht und interessiert als Hirnströme und dergleichen. Wenn wir Anerkennung dieser Dimension oder Hilfe dazu suchen – wenn meine Schmerzen anhalten, auch wenn der Mediziner dies den gemessenen Hirnströmen nicht entnehmen kann – und die Wissenschaft als Hort einer rationalen Kultur diese nicht bietet, dann flüchten sich die Abgewiesenen nicht selten in die Arme des Anti-Rationalismus in Form von Esoterik, Gefühlsduselei, Quacksalbern und (bestimmten Formen von) Religion. (Oder, wenn man an einer Universität tätig ist, in die Arme der postmodernen Dekonstruktion.)

Man tut der Rationalität und Wissenschaftlichkeit also keinen Gefallen, wenn man ihr Gebiet so eng absteckt. Wenn unsere legitimen Lebensinteressen und -anliegen aus diesem Gebiet ausgeschlossen werden, dann werden damit letztlich nicht diese Interessen irrelevant, sondern die Rationalität selbst. Und das wäre das Letzte, was zu wünschen ist.

2. Juni 2007

Ein Plädoyer für den Bildungsbegriff

Im Zusammenhang mit dem letzten Eintrag hier der Hinweis auf ein Buch, das unser ehemaliger Kulturstaatsminister, der Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin letztes Jahr veröffentlicht hat: Es handelt sich um eine Sammlung von Vorträgen und kurzen Aufsätzen unter dem Titel “Humanismus als Leitkultur” (gibt’s hier).
Als eine Grundidee zieht sich durch das ganze Buch ein so einfaches wie einleuchtendes Plädoyer für die altmodische “Bildung” im Gegensatz zur bloßen Anhäufung von verwertbaren Informationen:

In einer Zeit, in der Prognosen über die konkrete Verwertbarkeit von Wissen angesichts eines beschleunigten Wandels in allen Lebensbereichen immer fragwürdiger werden, gibt es letztlich keine Alternative zur Orientierung an den Grundlagen unserer Kultur. (S. 26)

Will sagen: Die Spezialistenausbildung, als die sich viele universitäre Studiengänge verstehen, hat in vielen Bereichen unserer diversen und wandelbaren Welt kaum noch einen Sinn; vielmehr muss es darum gehen, Studenten (und andere Lernende) auf einen flexiblen und selbständigen Umgang mit eben dieser Welt vorzubereiten; sie zu gleichermaßen autonomen wie offenen Menschen zu erziehen. Konkreter heißt das, dass eben kein Kanon auswendig zu lernenden Wissens im Vordergrund stehen darf, sondern die Ausbildung der Denkfähigkeit; dass die Konfrontation mit anderen Kulturen und Denkweisen, z.B. auch durch das Erlernen von Fremdsprachen, in allen Fächern und Lehrplänen hohe Priorität erhalten muss; dass an den Universitäten eben durch das Erleben von Wissenschaft als einer kontroversen, nicht einfach sichere Ergebnisse liefernden, rationalen und diskursiven Tätigkeit das Bewusstsein von der Vorläufigkeit alles gelernten Wissens geschärft werden muss.
Das ist natürlich nichts anderes als der gute alte Bildungsbegriff, und darum geht es Nida-Rümelin auch. Wenn er, wie mir scheint, Recht hat, dann hat die “Informationsgesellschaft” das Bildungsideal keineswegs obsolet gemacht (wie oftmals angenommen wird); vielmehr verleiht sie diesem Ideal dadurch, dass ihre Informationen sich alle paar Jahre selbst überholen und obsolet machen, ganz neue Bedeutung.

25. Mai 2007

Bildung oder Bachelor?

Im Rahmen des Bologna-Prozesses werden ja nun auch die deutschen Universitäten mit dem angelsächsischen System der Bachelor- und Master-Abschlüsse beglückt. Bachelor, das heißt hier: Verkürzung (auf drei Jahre bis zum ersten Abschluss) und Verschulung. Statt der gewohnten akademischen Freiheit, die es den Studenten zumindest der Geisteswissenschaften freistellte, Seminare zu besuchen oder auch nicht, Schwerpunkte zu legen oder auch nicht, sehr viel zu lernen oder auch eher wenig, haben die meisten Institute inzwischen zähneknirschend ein System von “Modulen” eingeführt, in dem Studenten von Anfang bis Ende genau wissen, was sie wann zu tun haben, wann sie wo über was nachdenken und wann sie damit fertig sind.

Der angelsächsische Bachelor aber unterscheidet sich von unseren bisherigen deutschen Abschlüssen nicht nur durch kürzere Studienzeiten und höhere Verschulung. Er unterscheidet sich im Wesentlichen dadurch, dass er keine wissenschaftliche Ausbildung ist. In den besten Fällen, wie etwa an der Uni Oxford, dient er dazu, Kompetenzen für spätere verantwortliche Positionen in der Gesellschaft zu vermitteln: Effizienz, Entscheidungsfreude, die Fähigkeit, sich in kürzester Zeit in ein neues Thema einzuarbeite, die relevanten Informationen herauszufiltern und auf ihrer Basis eine begründete Entscheidung zu treffen. Der durchschnittliche Oxforder undergraduate muss pro Woche mindestens ein “essay” schreiben, in dem es nicht darauf ankommt, alle relevanten Quellen richtig zu zitieren, sondern vielmehr darauf, innerhalb der einen Woche ein Grundverständnis einer bestimmten Problematik erworben und eben eine begründete Entscheidung für die eine oder andere Lösung getroffen zu haben. Die Problematik kann dabei die Frage nach dem Verhältnis von Körper und Seele, die richtige Interpretation von Ovids Metamorphosen oder die Regelung der internationalen Politik sein. Wissenschaftliche Ausgewogenheit spielt dabei kaum eine Rolle, von Wahrheit ganz zu schweigen; worum es geht, ist die Erwerbung der oben genannten Fähigkeiten – so genannter skills. Da diese universal einsetzbar sind, ist es dann auch eigentlich egal, was man studiert; ein Bachelor in Geschichte legt häufig den Grundstein für eine Anwaltskarriere, wer Latein und Griechisch studiert hat, kann als Broker an der Börse Karriere machen. Gelernt haben alle dasselbe: denken, und zwar problem- und zielorientiert denken.

Dient der angelsächsische Bachelor dem Erwerben solcher skills, so sind die deutschen Universitäten (ich meine wieder insbesondere die Geisteswissenschaften) traditionell anders angelegt: auf die Bildung der Persönlichkeit durch deren Konfrontation und freie Auseinandersetzung mit der Wissenschaft. Eine solche Bildungsentwicklung dauert aber meist länger als drei Jahre. Mit der Einführung von Bachelor-Studiengängen ist dann auch meist konsequenterweise ein Aufgeben des Bildungsideals in Auseinandersetzung mit der Wissenschaft aufgegeben: Statt Angeboten zum Selbstdenken erhalten die Studenten mundgerecht abgepacktes Wissen, hübsch organisiert nach Modulen. Ob das zu den Bachelor-typischen skills führt, steht noch in Frage. Ob diese skills, selbst wenn sie erworben werden, auf dem deutschen Arbeitsmarkt ähnlich flexibel verwendbar wären, ebenfalls. Bei uns ist ein Jurist eben noch ein Jurist und ein Altphilologe taugt bestenfalls zum Lehrer. Vor allem aber steht in Frage, ob es sinnvoll ist, die Bildungsidee zugunsten einer noch gar nicht verstandenen und vielleicht gar nicht angemessenen Konzeption praktischer skills einfach aufzugeben und einem Universitätssystem, das durch ein Ideal von Bildung geprägt ist und damit erfolgreich war, ein System von Abschlüssen aufzupfropfen, das Ausdruck und Ergebnis angelsächsischer Pragmatik ist.

14. April 2007

Einigkeitsrhetorik

Ein Hauptseminar an einer Universität irgendwo in Deutschland. Nach eineinhalb Stunden reger Diskussion beendet die Dozentin die Sitzung mit der (rhetorischen) Frage: “Haben wir uns also geeinigt, dass….?”
Haben wir uns geeinigt? Nein. Wir haben Meinungen vertreten, gegeneinander gestellt und dafür wie dagegen argumentiert, der eine oder die andere hat seine Meinung im Laufe der Argumentation verändert oder auch nicht; aber einer Meinung sind wir deshalb noch lange nicht. Geeinigt wird sich deshalb letztendlich auf das, was die Dozentin als ihre Meinung in die Sitzung mitgebracht (oder vielleicht sogar im Lauf der Sitzung dazu gemacht) hat. Wozu also die Einigkeitsrhetorik?
Dahinter steht dieselbe Einstellung, die angesichts politischer Uneinigkeit manche Bürger Ausrufe wie “Was müssen die Politiker sich auch immer streiten, können sie sich nicht einfach einigen…!” tun lässt. Dass Politiker sich streiten, gehört zum Wesen der Demokratie; dass Wissenschaftler sich streiten, gehört zum Wesen der Wissenschaft. Der Wunsch nach Einigkeit um ihrer selbst willen wäre Ausdruck einer sich um keine Folgen bekümmernden Harmoniesucht: Wir mögen das Richtige tun oder nicht, die Wahrheit glauben oder nicht, Hauptsache, wir haben uns alle lieb. Meist aber liegt ihm noch eine andere Annahme zugrunde: Das Richtige und das Wahre muss doch jedem vor Augen stehen, man müsste sich nur endlich darauf einigen, es zu tun oder zu glauben. Die demokratische Gesellschaftsordnung wie auch die moderne Wissenschaft entspringt der Einsicht, dass dem nicht so ist, dass wir nie im Voraus wissen, welche Handlung die richtige sein wird und nie mit Sicherheit sagen können, welche Meinung der Wahrheit am nächsten kommt. Dem Richtigen wie auch der Wahrheit ist deshalb am besten damit gedient, wenn verschiedene Menschen auf verschiedenen Wegen nach ihnen streben und jeder den anderen auf seine Façon streben lässt. Einigkeit gibt es nur in der Diktatur, wenn einer die Macht hat, allen anderen seine Sicht des Wahren und Richtigen aufzuzwingen—wovon unsere Einigung im Seminar, freilich in sehr verkleinertem Maßstab, ein Zeugnis ablegt.

3. April 2007

Formal Dinner

Allabendlich findet an den meisten Colleges in Oxford oder Cambridge ein “formal dinner” statt. Da gibt es besseres Essen für etwas mehr Geld, vor allem aber ein lateinisches Tischgebet und allerhand andere Kuriositäten. Oft besteht strenge Kleiderordnung: Männer ohne Krawatte brauchen den Saal gar nicht erst betreten, und jeder trägt seinen “gown”, den Umhang, dessen Länge und Farbe akademischen Grad und Status des Trägers anzeigt. Nun sitzen also die Studenten in ihren eher einfachen gowns an langen Tischen unter den strengen Porträtblicken früherer Könige, Dekane und sonstiger Würdenträger, bis mit einem Hämmerchen an die Eingangstür des Speisesaals geklopft (oder alternativ in ein 400 Jahre altes Horn gestoßen) wird: “High table!” ruft einer, und alles muß aufstehen, um den Einzug eines Häufchens von Dozenten in langen und farbenfrohen gowns zu würdigen. Die Gownträger begeben sich also an den “High table”, der sich tatsächlich erhöht und abgesetzt am Kopfende des Raumes befindet und beim nun folgenden mehrgängigen Dinner mit besonderer Sorgfalt und ausgesuchteren Speisen bedient wird. Zunächst aber wird von einem eigens mit dieser Aufgabe betrauten Studenten das lateinische Tischgebet aufgesagt, und nachdem sich auch noch der ranghöchste Gownträger am High Table auf lateinisch geäußert hat, darf wieder gesessen und dann auch gegessen werden.

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der reichhaltigen Zeremonienkultur der Uni Oxford, und sicher nicht der eindrucksvollste. Es ist allerdings, abgesehen von der Immatrikulationszeremonie, der einzige, den ich—nach drei Jahren an besagter Universität—aus eigener Erfahrung beschreiben kann, denn das Schöne an diesen Ritualen ist, dass sie freiwillig sind. Wer keinen Spaß am Wer-hat-den-längsten-gown-Spiel hat, der kann es einfach bleiben lassen. Und so weit ich das bisher sagen kann, entsteht daraus keinem ein Nachteil.
Doch auch als Ritualverweigerer bin ich froh, dass es dieses Spiel gibt, und zwar gerade in dieser Form. Hier kann ganz nach Lust, Bedürfnis und Stellung in der Hierarchie der Geltungsdrang jedes einzelnen ausgelebt werden, und zwar im hermetisch abgetrennten Bereich der Zeremonie. Für die eigentliche Aufgabe der Hochschule, die Forschung und Lehre, spielt all das keine Rolle—oder eben doch: Was im Ritual ausgelebt wurde, kann im universitären Alltag getrost außen vor gelassen werden. Die im formal dinner zelebrierten Hierarchien spielen in der fachlichen Zusammenarbeit keine Rolle mehr, und wer gestern abend als Mitglied des High Table im langen Umhang an mir vorbeigerauscht ist, kann mich heute ganz ohne Statusprobleme seine Forschungsergebnisse in Frage stellen lassen.

28. März 2007

Betreuung ≠ Bewertung!

Bei aller Anglifizierung des deutschen Unisystems ist eine sehr einfache und äußerst effiziente Maßnahme bisher übersehen worden: die strikte Trennung zwischen fachlicher Bewertung und persönlichem Kontakt.
Anonyme Bewertungen von Prüfungsleistungen gibt es natürlich auch in Deutschland, etwa im Staatsexamen. Die betreffenden Fächer (z.B. Jura) sind auch wunderbarerweise von der erst kürzlich beklagten Noteninflation verschont geblieben. An englischen Universitäten wie etwa Oxford wird das konsequent für alle Fächer und Prüfungen bis hin zur Master-Abschlussarbeit durchgeführt.
Nun kann man ja kaum eine Dissertation anonym bewerten; dazu müsste der Doktorand ja jahrelang geheim halten, an welchem Thema er arbeitet. Hier gilt deshalb nur der einfache Grundsatz, dass der Betreuer einer Arbeit diese nie, nie, niemals bewerten darf. Vielmehr wird für jede Dissertation sogar noch ein “externer” Gutachter von einer anderen Universität einbestellt, der sie gemeinsam mit einem “internen” Gutachter zu bewerten hat. In allen Fällen gilt: Wer meine Arbeit benotet, weiß ich vorher nicht.
Damit fällt zum einen jede Motivation weg, jemandem nach dem Mund zu reden, sei es der Doktorvater oder auch nur der institutsinterne Konsens. Als Standard und Leitlinie verbleibt allein die wissenschaftliche Qualität, die jeder Gutachter unabhängig von der eigenen Meinung anerkennen muss. Gleichzeitig wird die Sphäre des persönlichen Umgangs von direkten Abhängigkeiten und damit von der Ebene des Eindruckmachenmüssens und Nichtaneckendürfens befreit; dies ist ein Grund für das deutlich entspanntere Verhältnis etwa zwischen Doktoranden und etablierten Wissenschaftlern im angelsächsischen Universitätsbetrieb.
Nun will ich damit keinesfalls behaupten, dass es in der deutschen Wissenschaft keine unpersönlichen Standards und keinen ungezwungenen Umgang unter Wissenschaftlern auf verschiedenen Stufen der Hierarchie gäbe. Doch herrscht zumindest in den Geisteswissenschaften weitgehend ein Klima, in dem jemand mit dem Satz “Der ist doch Schüler von XY” (qualitativ wie inhaltlich) hinreichend charakterisiert scheint, und in dem Doktoranden und selbst noch Habilitanden sich genötigt sehen, ganz bestimmte Fragestellungen in eine ganz bestimmte Richtung zu bearbeiten, weil sonst ihre Promotion oder Habilitation überhaupt in Frage steht. Die angelsächsische Entpersonalisierung der Wissenschaft beugt solchen Phänomenen vor; und ein Aspekt dieser Entpersonalisierung ist eben die genannte Trennung von Betreuung und Bewertung.
Übrigens wäre eine diesbezügliche Reform mit weitaus weniger Aufwand und Kosten verbunden als alle Exzellenzinitiativen und Bachelorisierungen. VIelleicht ist deshalb noch keiner darauf gekommen…?

22. März 2007

Publish or Perish

Wie überprüft man wissenschaftliche Qualität? Das ist natürlich eine schwierige Frage. So manches Bewerbungskommittee versucht sie zu lösen oder vielmehr zu umgehen, indem es Qualität auf Quantität reduziert: je mehr einer publiziert hat, desto besser ist er. Ganz einfach.
So wird bereits bei Bewerbungen um ein (deutsches) Promotionsstipendium eine Publikationsliste erbeten — “ggf. auf gesondertem Blatt”. Nur: wann und womit soll der Bewerber, der ja auch noch schnell studiert haben soll, seine Publikationsliste gefüllt haben? Muss jede kleine Entdeckung einer Hauptseminararbeit im 8. Semester in die Fachwelt hinausposaunt werden? Sollte die Zeit, in der man studieren und etwas lernen könnte, mit dem hektischen Bemühen um das Unterbringen eines Artikels in einer Fachzeitschrift verbracht werden, also mit Kontaktieren, Redigieren usw. — alles im Eiltempo, damit es noch rechtzeitig vor der Promotionsbewerbung erscheint?
Wenn die Länge der Publikationsliste zum Maß aller Dinge wird, dann publiziert jeder alles, und zwar so schnell wie nur möglich. Zumindest solange er sich noch um etwas zu bewerben hat; und das hat an der deutschen Universität jeder, der noch keinen Lehrstuhl ergattert hat. Zur Qualität wissenschaftlicher Veröffentlichungen im Allgemeinen trägt das nicht bei.
Wer sich auf ein englisches Promotionsstipendium bewirbt, wird im Übrigen nicht nach Publikationslisten gefragt. Und mein (englischer) Doktorvater reagierte auf meine Nachfrage zu dem Thema nur mit der leicht irritierten Frage: Warum um alles in der Welt sollte man in diesem Stadium schon was veröffentlicht haben? Seine erste Veröffentlichung war übrigens erst nach Abschluss seiner Promotion. Er hat heute einen der renommiertesten Lehrstühle an der Universität Oxford inne.